Zwei Hunde im Gras, aufmerksam nach oben blickend
Erfolgsgeschichten

Vom Problemfall zum Alltag

Jede Geschichte nennt den Startpunkt, den Weg und das, was am Ende im Alltag funktioniert hat.

Während der Corona-Zeit erhielt ich einen Anruf von einer verzweifelten Frau. Ihr erst fünf Monate alter Border Collie sei kaum noch zu managen und zeige zunehmend aggressives Verhalten. Die Situation verunsicherte die gesamte Familie – insbesondere, weil die Frau einen autistischen Sohn hatte.


Der Border Collie sah für die Familie einfach wunderschön aus. Doch Erfahrung mit dieser anspruchsvollen Rasse hatten sie kaum. Zusätzlich lebte ein älterer Labrador in der Familie. Er sollte dem jungen Border Collie Orientierung geben und ihm gewissermaßen den Weg zeigen.


Doch dann verstarb der Labrador im hohen Alter von 20 Jahren.


Kurz darauf veränderte sich das Verhalten des jungen Border Collies deutlich. Er wurde immer auffälliger und schwieriger im Umgang. Auch der Tierarzt wusste schließlich nicht mehr weiter und empfahl der Familie, sich an mich zu wenden.


Erst einmal beobachten – und verstehen


Ich nahm meinen eigenen Hund mit zu dem Termin. Schon dabei zeigte sich etwas Entscheidendes: Mein Hund nahm Kontakt zu dem jungen Border Collie auf, spielte mit ihm und setzte ihm auf natürliche Weise Grenzen. Der Umgang zwischen den beiden Hunden war entspannt und zeigte mir bereits erste Hinweise darauf, was dem jungen Hund fehlte.


Anschließend gingen die Frau und ich gemeinsam spazieren. Währenddessen unterhielten wir uns ausführlich über den Alltag der Familie und das Verhalten des Hundes.


Dabei kam eine wichtige Information ans Licht: Der autistische Sohn liebte den Hund sehr. Wenn er aus der Schule nach Hause kam, wollte er ihn sofort anfassen und mit ihm interagieren. Für den Jungen war der Hund etwas Besonderes – für den jungen Border Collie bedeutete diese ständige Nähe jedoch offenbar etwas ganz anderes.


„Hat der Hund einen Ort, an den er sich zurückziehen und seine Ruhe haben kann?"


Die Antwort war: Ja. Doch dieser Rückzugsort wurde offenbar nicht konsequent als solcher geschützt.


Der Hund brauchte keinen „härteren Umgang" – sondern Ruhe


Wir richteten für den Border Collie einen festen Rückzugsort ein. Ein Körbchen und eine Decke kamen in den dafür vorgesehenen Raum. Vor allem aber sollte der Hund dort zunächst zuverlässig vor dem Kind abgeschirmt werden.


Der entscheidende Punkt war: Der Hund sollte selbst entscheiden dürfen, wann er wieder Kontakt aufnehmen möchte. Und genau das tat er. Nachdem er ausreichend Ruhe bekommen hatte, kam er von selbst wieder zu seinem Menschen und suchte den Kontakt.


Plötzlich veränderte sich die gesamte Situation. Der Hund war nicht „böse". Er war nicht „aggressiv" und auch nicht „hoffnungslos". Er war schlicht überfordert und hatte keine ausreichende Möglichkeit, sich zurückzuziehen.


Heute ist er der Hund, den sich die Familie gewünscht hatte


Mit dieser kleinen Veränderung wurde aus einem scheinbar unkontrollierbaren Hund wieder ein ausgeglichener Familienhund.


Die Familie bekam den Hund, den sie sich ursprünglich vorgestellt hatte – und der Border Collie bekam etwas, das ihm zuvor gefehlt hatte: Verständnis, klare Grenzen und die Möglichkeit, einfach einmal Hund zu sein.


Diese Geschichte zeigt, warum ich niemals vorschnell über einen Hund urteile. Denn manchmal liegt die Lösung nicht darin, einen Hund zu verändern. Manchmal müssen wir Menschen einfach lernen, ihn zu verstehen.

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